Schwellenräume. Plessner revisited

Im Nachgang der Sozietätstagung in Bremen und an der technologischen Schwelle um KI und bald vielleicht – who knows – A(G)I, einige Gedanken zu unserem meist eher dysfunktionalen Verhältnis zu Natürlichkeit- unsere eigene Körperlichkeit mitgedacht:

Vor einem knappen Jahrhundert formuliert Helmuth Plessner:
„Deshalb ist der Mensch ‚von Natur‘ künstlich und nie im Gleichgewicht. Deshalb kommt ihm jede Unmittelbarkeit nur in einer Vermittlung, jede Reinheit nur in einer Trübung, jede Ungebrochenheit nur in einer Brechung zustande.“

Das Zitat wirkt zunächst in einem leicht angestaubten Sinne anthropozentrisch – ein Kreisen um die Befindlichkeit des Menschen während gleichzeitig, wie im ‚Everything is Fine‘-Meme, die Hütte quite literally in Flammen steht.

Der Gedanke einer ‚Natürlichen Künstlichkeit‘ als einer irgendwie schmerzlich-sehnsüchtigen Conditio Humana hat mich dennoch in den vergangenen Wochen und mit in die Tagung begleitet.

So wie die künstlichen Grotten in Renaissancegärten, mit ihren geführten Wasserläufen und den gegipsten Stalaktiten als Schwellenort fungieren sollten, an dem sich diese (vermeintlich) natürliche Welt, bevölkert von fantastischen Naturwesen, mit der kulturellen Wirklichkeit ihrer Besucherin überschneidet – ein Portal -benötigen wir, folgt man Plessners Argumentation, immer der Vermittlung und der mit ihr verbundenen kulturellen Brechung, um ‚Natur‘ als Erfahrungsraum erleben und uns mit ihr gefühlt connecten zu können – einem medial vermittelten Schwellenraum, der unsere körperliche Verfasstheit – als Ausgangspunkt der erlebten Kinship zu der uns umgebenden ‚Natürlichkeit’ – und unsere in technologischer Beschleunigung begriffene kulturelle Wirklichkeit überlappen und gemeinsam scheinbar ‚Sinn machen‘ lässt.

Wenn ich vor diesem theoretischen Hintergrund über die Rolle von Kunstpädagogik im Kontext von Nachhaltigkeit und Klimakrise nachdenke, stellt sich für mich die Frage nach den ‚künstlichen Grotten‘ der Gegenwart – Orte, die gerade durch ihre artifiziellen Rahmungen ‚fremdartig‘ und weird enough erscheinen, um uns ein Neudenken unserer Beziehung zur Welt abzuverlangen.